Vergessen Sie am Besten alles, was Sie bisher über Sucht gehört haben!

Der St­reit dar­über, was Sucht nun ge­nau ist und wie es da­zu kommt und ob je­mand da­ran Schuld hat und ob der Teu­fel den Al­ko­hol ge­macht hat oder er doch ein Got­tes­ge­schenk ist - die­ser St­reit un­ter den Ge­lehr­ten ist so alt wie die Sucht selbst und wird noch ewig wei­ter ge­hen. Und ein je­der, der schon mal ei­nen Rausch hat­te, glaubt auch noch mit­re­den zu kön­nen.

Wir ma­chen uns das et­was ein­fa­cher. Wir ha­ben uns für ein Mo­dell ent­schie­den, das plau­si­bel ist und durch neue­re For­schung gut un­ter­stützt wird. Und wenn man da­nach han­delt, kann man ei­ne Al­ko­hol- oder Me­di­ka­men­ten­ab­hän­gig­keit sehr ein­fach und er­folg­reich be­han­deln. Was will man mehr?

Unser Begriff von Sucht ist einfach und praktisch

Die chro­ni­sche Ab­hän­gig­keit von Al­ko­hol oder Me­di­ka­men­ten ist ein sich selbst er­hal­ten­der Pro­zess, der völ­lig los­ge­löst von äu­ße­ren An­läs­sen" ab­läuft. Die Ab­hän­gig­keit ist über­wie­gend ge­ne­tisch be­dingt. Sie wird über den ers­ten Kon­sum ge­bahnt und ent­wi­ckelt sich in in­di­vi­du­ell un­ter­schied­li­cher Zeit zum "Voll­bild"

Das macht Sinn, denn:

  • Der Pro­zent­satz der Ab­hän­gi­gen in den eu­ro­päi­schen Ge­sell­schaf­ten ist gleich­b­lei­bend bei ca. 5%, ganz gleich, ob der Al­ko­hol­kon­sum stark re­g­le­men­tiert (z.B. Nor­d­eu­ro­pa) oder All­tags­kul­tur (z.B. Sü­d­eu­ro­pa) ist.

  • Ab­hän­gig­keit ist sta­tis­tisch "nor­mal­ver­teilt", d.h. sie kommt in al­len ge­sell­schaft­li­chen Schich­ten und Grup­pen gleich häu­fig vor.

  • Ab­hän­gig­keit tritt fa­mi­li­är ge­häuft auf.

  • Es gibt gro­ße Eth­ni­en, die Al­ko­hol über­haupt nicht ver­tra­gen (z.B. vie­le Asia­ten) oder sehr sch­nell das Voll­bild ei­nes Al­ko­ho­li­kers ent­wi­ckeln wie z.B. die Ur­ein­woh­ner Nord- und Süda­me­ri­kas. Des­halb trank Win­ne­tou auch kein Feu­er­was­ser (Im Ge­gen­satz zu Pier­re Bri­ce).

  • Sucht ist nicht ab­hän­gig von der Men­ge, die man kon­su­miert. Sie kön­nen sich al­so zu To­de sau­fen, oh­ne ab­hän­gig zu wer­den, wie z.B. Wins­ton Chur­chill, der ein schwe­rer Trin­ker war, aber je­der­zeit auf­hö­ren konn­te. (Sein Ge­gen­spie­ler Hit­ler trank üb­ri­gens über­haupt kei­nen Al­ko­hol. Das zeigt, dass Ab­s­ti­nenz al­lein noch kei­ne Tu­gend ist.)

  • Neue­re For­schun­gen zei­gen, dass bei Al­ko­ho­li­kern an­de­re Hir­na­rea­le ak­tiv sind als bei Nor­mal­kon­su­men­ten und Ab­s­ti­nen­ten.

Al­ko­hol­ab­hän­gi­ge trin­ken "an­ders" als nicht ab­hän­gi­ge Men­schen. Sie kön­nen das we­der steu­ern noch mit Wil­lens­kraft ab­s­tel­len. Des­halb ist frem­de Hil­fe so wich­tig. Ab­s­ti­nenz ist für sie wie das In­su­lin für den Dia­be­ti­ker: ei­ne Not­wen­dig­keit, um ein zu­frie­de­nes und an­sons­ten ge­sun­des Le­ben zu füh­ren. So ein­fach ist das!

Der Sinn des Le­bens

Und soll­ten Sie glau­ben, aus phi­lo­so­phi­schen Grün­den zu sau­fen: "Sucht" kommt nicht von "Su­chen", son­dern von "Siech", d.h. "krank".

Der Klei­ne Prinz hat kei­ne Ah­nung

Im­mer wie­der ger­ne wird die Ge­schich­te vom Klei­nen Prin­zen er­zählt, der auf ei­nen Trin­ker trifft und ihn fragt, warum er denn nun so viel trin­ke. Und die­ser ant­wor­tet: "Ich trin­ke, weil ich mich schä­me - und ich schä­me mich, weil ich trin­ke!" Da sind dann im­mer al­le ganz ge­rührt. Aber das ist Quatsch! Ein Al­ko­ho­li­ker trinkt, weil er trinkt! Und dar­über den­ken Sie jetzt mal nach... ;-)

12 Schritte zurück in die Zukunft

Die Er­kennt­nis, dass Ab­hän­gig­keit ge­ne­tisch be­dingt ist, ist üb­ri­gens nicht neu. Schon den Grün­dern der An­ony­men Al­ko­ho­li­ker war vor bald 80 Jah­ren klar, dass die Su­che nach den Ur­sa­chen kein Er­folg ver­sp­re­chen­de St­ra­te­gie sein kann, der Krank­heit Herr zu wer­den.

Ihr Re­zept: die Krank­heit ak­zep­tie­ren, dar­auf ver­trau­en, dass man nicht al­lei­ne ist und im Ge­spräch mit Gleich­be­trof­fe­nen die Stär­ke ge­winnt, „das ers­te Glas ste­hen las­sen“. Das Ver­fah­ren wur­de von die­sen ers­ten An­ony­men Al­ko­ho­li­kern aus­dif­fe­ren­ziert und zu­sam­men­ge­fasst in dem Pro­gramm: Zwölf Schrit­te

Wenn man die­ses Pro­gramm aus wis­sen­schaft­lich-psy­cho­lo­gi­schem Blick­win­kel auf sei­ne wirk­sa­men Me­cha­nis­men hin un­ter­sucht, fin­det man ein sehr raf­fi­nier­tes und übe­r­aus in­tel­li­gen­tes Mo­dell für die The­ra­pie von Sucht­kran­ken mit sehr kon­k­re­ten Hand­lungs­an­wei­sun­gen.

Ers­ter Schritt und Ka­pi­tu­la­ti­on

The­ra­peu­tisch hoch wirk­sa­mer Kern die­ses Pro­gram­mes ist das Kon­zept vom Ers­ten Schritt und der Ka­pi­tu­la­ti­on. Die We­ge, die die­se Kon­zep­te zum Er­folg füh­ren sind ein­fach, klar und nach­voll­zieh­bar. Man muss nur wis­sen, wie es geht.

Und es zeigt sich:

Die Fra­gen nach „Warum?“ und „Wo­zu?“, die so zen­tral sind in den ge­bräuch­li­chen Ver­fah­ren, sind nicht nur über­flüs­sig, son­dern ver­fes­tig­ten nur die Denk­mus­ter der Be­trof­fe­nen („wenn das nicht wä­re, bräuch­te ich nicht zu trin­ken…“) und die Scham- und Schuld­ge­füh­le der An­ge­hö­ri­gen (Wenn ich mich an­ders ver­hal­ten hät­te…“).

In den Selbst­hil­fe­grup­pen der AA hat sich die­ses Pro­gramm trotz sei­ner et­was pa­the­ti­schen und für Eu­ro­päer un­ge­wohnt fröm­meln­den Spra­che welt­weit als sehr ef­fi­zi­ent er­wie­sen. Aber auch Fach­k­li­ni­ken wie die der be­rühm­ten Ha­zel­ton-Grup­pe oder die Bet­ty-Ford-Ein­rich­tun­gen sind mit wis­sen­schaft­lich be­grün­de­ten Pro­gram­men auf der Ba­sis die­ser Kon­zep­te seit Jahr­zehn­ten sehr er­folg­reich.

1974 ver­such­te man mit den Fach­k­lin­ken Bad Tö­nis­stein und Thom­me­ner Höhe das Ver­fah­ren der Kurz­zeit­be­hand­lung nach Ha­zel­don auch in Deut­sch­land zu eta­b­lie­ren. Trotz sei­nes au­ßer­or­dent­li­chen the­ra­peu­ti­schen Er­fol­ges schei­ter­te das Kon­zept letzt­end­lich an be­ruf­stän­di­schen Wi­der­stän­den und der Wei­ge­rung der Kos­ten- und Leis­tungs­trä­ger, sich auf neue Ver­fah­ren ein­zu­las­sen. Die mas­si­ve Aka­de­mi­sie­rung der Bran­che, die In­fla­ti­on des Sucht­be­grif­fes und das al­les über­wu­chern­de „Qua­li­täts­ma­na­ge­men­t“ ga­ben dann die­sen Ver­fah­ren den Rest.

Heu­te kön­nen wir sa­gen: der 12-Schrit­te-An­satz war rich­tig und weg­wei­send. Und er ist ak­tu­el­ler den je.

Das ist für uns eine gute Suchtbehandlung

Am An­fang der Ge­ne­sung steht für uns die qua­li­fi­zier­te Ent­gif­tung. Warum der Kran­ke in die Ent­gif­tung geht, ist für uns zweitran­gig. Der Be­trof­fe­ne muss erst ein­mal wie­der ei­nen kla­ren Kopf be­kom­men, be­vor er über­haupt ei­ne durch Ei­gen­mo­ti­va­ti­on ge­tra­ge­ne Ent­schei­dung für sich tref­fen kann.

Un­mit­tel­bar da­nach be­ginnt die Suchtthe­ra­pie, de­ren wich­tigs­tes Ziel es ist, den Be­trof­fe­nen zur Ab­s­ti­nenz zu be­fähi­gen und ihn auf die an­sch­lie­ßen­de Sta­bi­li­sie­rung in der Selbst­hil­fe vor­zu­be­rei­ten: ein­deu­tig, ein­fach, tran­s­pa­rent und er­geb­nis­o­ri­en­tiert.

Wel­che sons­ti­gen psy­chi­schen oder so­zia­len Pro­b­le­me der Be­trof­fe­ne hat, wird sorg­fäl­tig ab­ge­klärt, ist aber zu­nächst zweitran­gig. Denn oh­ne Ab­s­ti­nenz ist je­de psy­cho­the­ra­peu­ti­sche Be­hand­lung oder In­te­g­ra­ti­ons­maß­nah­me sinn­los.

Im An­schluss er­folgt die Nach­sor­ge bzw. In­te­g­ra­ti­on in die Selbst­hil­fe. Al­le Maß­nah­men zu­vor sind so aus­ge­legt, dass der Über­gang pro­b­lem­los er­fol­gen kann. Denn dies ist die ent­schei­den­de Pha­se be­son­ders in den ers­ten Mo­na­ten nach der Be­hand­lung. Kei­ne zu­frie­de­ne Nüch­t­ern­heit oh­ne Grup­pen­bin­dung in den ers­ten zwei Jah­ren nach der Be­hand­lung.